2016/05/17

Warum macht uns Slut Shaming Spaß?


Es ist einer dieser sommerlichen Frühlingstage und ich komme gerade von der Arbeit. Ich sitze in der Bahn und fahre Heim, Richtung Kreuzberg mittlerweile. Bis vor einer Weile war noch die U9 meine Bahn und da fuhren nicht so viele Familien mit. Um mich herum sitzen nun Mütter mit Kinderwägen, sie spielen oder füttern oder beantworten jede Frage, die ihre Kinder stellen mit "Aha, ja." - Ich frage mich, ob ich auch ein mal so werde. Bis eine junge Frau die Bahn betritt.

Sie ist wahnsinnig hübsch und sieht aus wie eine Jenner , nur ohne die chirurgischen Eingriffe. 

Ihre Haare sind in diese typischen Boxer-Zöpfe geflochten, die gerade alle auf Instagram präsentieren, die mindestens Brustlanges Haar haben. Ihre Shorts sind dem Wetter angemessen kurz und sie telefoniert per Headset. 
Ich beobachte die Mütter um mich herum und sie starren alle wie Erdmännchen auf die junge Frau. Irgendwie ahne ich schon, was sie denken, weil sie sie panisch mustern und hastig ihre Smartphones zücken und darauf rumtippen. Am liebsten will ich ihr ein Kompliment machen, aber irgendwie traue ich mich nie, wenn es angebracht ist - ich bin einfach viel zu creepy und irgendwie seltsam und ich glaube, wenn ich in ihrer Situation wäre, merkend wie mich alle mustern, würde ich ich sofort abhauen.


Aber sie ist cool. Sie lächelt einer der jungen Mütter zu, 

die sie so akribisch musterte und verlässt an der nächsten Haltestelle die Bahn. Ihre kleine Tochter fragt auch gleich "Ist die Frau deine Freundin, Mama?" - und strahlte, kindlich unwissend ihre Mutter an. Alles was danach passiert ist, verdrehte mir den Magen und ließ mich an unserer Gesellschaft zweifeln "Nein, das ist eine ganz, ganz, ganz böse Frau! Die zieht sich böse an!" Eine andere Mutter nickt ihr zu. Wow, das hat gesessen. Ich bin kurz froh, dass ich eine unvorteilhafte Culotte und kaum Make-Up trage, bis mir dieses Paradoxon klar wird. Sie sagt ihrer etwa 6jährigen Tochter, dass Shorts und Schminke "ganz ganz böse" sind. Einem jungen Mädchen, dass vermutlich alle Möglichkeiten dieser Welt hat, weil sie in Deutschland aufwachsen darf, einem Land, in dem man zwar was Feminismus einiges aufholen muss, aber Sommerbekleidung legal ist.

Und so fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Wir Frauen sind mit Schuld 

am Sexismus. Denn es ist mehr als nur Slutshaming, wir erziehen unsere Töchter mit Barbies, erlauben ihnen aber gleichzeitig keine optische Selbstbestimmtheit, denn dann könnten sie ja zu einer Bedrohung werden. Wir haben Angst vor Hotpants-tragenden Teens, aber verurteilen den Islam für seine unfairen Geschlechterrollen. Warum sind wir Menschen zu feige, um uns gegenseitig zu unterstützen? Ist es vielleicht einfach bequemer, über diejenigen zu schimpfen, die uns missfallen, als über den Tellerrand hinauszusehen?

Weil wir so erzogen wurden. 

Und wir wirklich Glück haben, wenn wir ehrlichen Liberalismus mit auf den Weg bekommen haben - denn das unbequeme Denken, das füreinander Einstehen und das Absehen von der allgegenwärtigen Doppelmoral sind nicht leicht. Aber sie können uns voran bringen, wenn wir uns die Chance geben. Ich will mutiger werden, die Frauen um mich herum zu unterstützen, damit keiner mehr ausgeschlossen wird. Ich will nicht mehr meine Augen verdrehen, wenn jemand um Welten besser aussieht als ich, sondern ehrlich und aufrichtig Bewundern lernen. Ich will mehr über die Frauen um mich herum lernen. Es gibt so viel, was wir noch voneinander abgucken können und das passiert, wenn wir mit mehr Offenheit aufeinander zugehen. Be like Ilana.


13 comments:

  1. Word! :)
    Ich finde es grauenhaft, dass es Slut Shaming gibt. Ich bin froh, dass ich als Kind (und Teenie) sehr kurze Hosen und sehr kurze Kleider tragen durfte. Meine Mutter achtete allerdings darauf, dass ich unter meinen Minikleidern noch eine Radlerhose/Hot Pants trug. Vermutlich, weil ab der 4./5. Klasse dauernd herausblitzende Unterhosen nicht mehr ganz so ästhetisch sind wie bei Kleinkindern.;)
    Der Neid vieler Frauen ist wirklich riesig und solange Frauen sich selbst als Ware begreifen, wird sich auch nichts ändern. Denn ich denke, etwas anderes ist es nicht: eine attraktive Frau, die anderen (alias Männern!) viel Haut präsentiert, "verschenkt" ihre Ware einfach. Und die anderen Frauen stehen doof da. Daher auch die Aggression gegen Prostituierte: die machen nämlich das Geschäft der anderen Frauen kaputt, die ihren Körper auch gern einsetzen, um Dinge zu bekommen. Und da kommen welche daher, die den Sex einfach für Geld verkaufen. Da steht die Frau, die den Sex gegen Nettigkeiten und gutes Betragen seitens des Partners in Beziehung/Ehe eintauscht, natürlich blöd da.
    Das ist hart formuliert, aber diese Beobachtungen habe ich gemacht.
    Wenn wir diese Einstellung geändert kriegen, steht einer wirklichen Gleichberechtigung nicht mehr viel im Weg. Aber wie kriegen wir das hin?

    lg,
    Sarah

    ReplyDelete
    Replies
    1. Ich hab das bisher noch nicht so betrachtet, da sich für mich Prostitution, geschieht diese aus völlig freien Stücken, eher als "Normaler" Beruf darstellt. Ich sehe da eher eine große Diskrepanz zwischen erbrachter Leistung von Frauen für zu niedriges oder garkein Gehalt (Siehe Hausfrauen, die halt garkein Geld bekommen) - aber ich glaube auch fest daran, dass ein genereller Zusammenschluss von Frauen und gegenseitige Unterstützung da eher Abhilfe schaffen kann als solches Verhalten.

      Delete
  2. Wow, weise und wahre Worte!
    Ich weiß genau was du meinst! Zur Zeit bekomme ich das hier auch in den U-Bahnen in Berlin mit und manchmal schießt mir das Verhalten einiger Mütter wie ein Brett vor meinem Kopf und ich weiß nicht, ob ich darüber lachen, weinen oder sogar sauer sein soll. Du hast Recht, wir sind mir an dem Schuld, wie es nun einmal ist. Danke für diese Worte!
    Wünsche dir noch einen schönen Tag, ohne solche Erlebnisse. :)
    Alles Liebe,
    Vanessa
    MademoisellePinette

    ReplyDelete
    Replies
    1. Danke für deinen Kommentar, Vanessa. Ich wollte keineswegs sagen, dass das nur Mütter waren, das ist nur in dem Fall besonders aufgefallen :/

      Delete
  3. Ich erlebe es regelmäßig, dass ich für meinen Kleidungsstil angeguckt werde. Dabei ist es tatsächlich egal, wie kurz ich mich kleide, denn solange ich "anders" aussehe als der mich umgebende Durchschnitt, bin ich mode - im wahrsten Sinn des Wortes. Es ist also eher eine Art "Unlike Shaming" in meinem Fall.
    Ich achte sehr auf mich und mag eher unkonventionelle Klamotten. Offenbar macht mich das schon zu einem guten Shaming Opfer.
    Es gibt immer Leute, die gucken. Die wird´s immer geben. Und welche, die Müll reden.
    Wir sollten einfach wir sein, jeder für sich. Denn selten sind wir wirklich besser als die anderen, wenn wir mal ehrlich sind.

    Liebst
    Kali von Miss Bellis Perennis

    ReplyDelete
    Replies
    1. Oh ja, daran erinnere ich mich noch aus meinen Teenie Tagen. Mittlerweile traue ich mich nicht mehr soviel, oder mein Stil ist konformer geworden. Ich finde es schade, dass man Kreativität im Keim zu ersticken versucht und hoffe, du machst einfach so weiter wie es dir gefällt (: von Leuten wie dir brauchen wir nämlich viel mehr!

      Delete
  4. Ein toller Text, nur traurig, dass das Alltag ist. Ich bin auch ein U9 Kind und habe schon so einige Dinge dort erlebt, die mich an unserer Gesellschaft stark zweifeln ließen. Warum ist es so schwer andere Menschen oder in diesem Fall andere Frauen so zu respektieren wie sie sind? Diese Frage würde ich gerne mal in einem Raum voller verschiedener Frauen stellen und mir gerne die Zeit dafür nehmen ihre Antworten zu hören. Dahinter stecken nämlich meist nur eigene Selbstzweifel, die Tatsache, dass die Medien uns Frauen immer darstellen, als müssten wir untereinander Kratzbürsten sein und hätten keine andere Wahl (als Beweis muss man sich nur ein paar Frauenfilme anschauen) oder die Tatsache, dass diese Frauen nicht anders gelernt haben sich in eine Gruppe zu integrieren, außer so, dass sie die Sympathie der anderen sammeln, indem sie wiederum andere Frauen zum Außenseiter machen. Schlimm, schlimm, schlimm!

    Liebe Grüße, Tatjana von
    http://sectionofstyle.com/

    ReplyDelete
    Replies
    1. Ja, absolut! Die beliebtesten Chickflicks sind ja gespickt mit so nem Unsinn. "Zickigkeit" wird nich nur dank der Popkultur lediglich Frauen (und Homosexuellen) unterstellt.

      Delete
  5. Was für wahre Worte! Wirklich toll und trotzdem unterhaltsam geschrieben! Ich glaube auch, dass viel zu oft das ganze Problem an den Frauen an sich liegt. Denn wirklich die wenigsten Männer Slut Shamen sondern häufig sind es ja doch die Frauen die gleich anfangen zu lästern etc. Ich sage jetzt nicht, dass wir alles selber Schuld sind auf gar keinen Fall, aber jede Frau sollte sich doch 2 mal überlegen über eine andere herzuziehen, nur weil diese vielleicht eine etwas zu kurze Hose trägt oder ein Top, dass man auch als BH bezeichnen könnte.

    Liebe Grüße,
    Sophie || http://basicapparel.de

    ReplyDelete
    Replies
    1. Ich glaube wenn Männer es tun, dann untereinander und nicht in dem offensichtlichen Ausmaß, dem die meisten Frauen nachgehen :( Man tut es ja, wenn dann schon gezielt, um eine andere Person bloßzustellen. Hoffe einfach diese Kultur wird sich noch in meinen Lebzeiten ein wenig ändern.

      Delete
  6. Waaaahhh solche Menschen machen mich aggressiv!! Ich muss echt lernen, damit irgendwie umzugehen, denn am liebsten würde ich mich in solchen Situationen immer einmischen, aber kühlen Kopf bewahren schaffe ich dann auch nicht und das bringt keinem was...
    :(
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

    ReplyDelete
    Replies
    1. ja das Problem hab ich auch. oder ich denke zu lange nach und dann ist es schon vorbei :(

      Delete
  7. Dazu fällt mir ein Erziehungsgrundsatz ein, der den Kindern viel eher vermittelt werden sollte: ,,Was du selbst nicht erleiden willst, füge keinem anderen zu." Hallo? Wahrscheinlich wäre mir innerlich der Kragen geplatzt und ich hätte die gute Frau freundlich darauf hingewiesen, dass Toleranz ein Wert ist, den es vorbildlich zu leben gilt.

    ReplyDelete